Interview mit Julia Stadler, Co-CEO von STADLER Anlagenbau GmbH
Julia Stadler gehört zur achten Generation des Familienunternehmens STADLER, das weltweit Sortieranlagen für die Recyclingindustrie plant und baut. Gemeinsam mit ihrem Vater Willi Stadler ist sie Co-Geschäftsführer des traditionsreichen Unternehmens.
Auf der IFAT 2026 präsentierten Julia und Willi Stadler gemeinsam mit ihren Kollegen Dr. Nils Kroell und Dr. Xiaozheng Chen, Leitung Digital Solutions, STADLER Gruppe, sowie Dr. Bastian Küppers, Leitung Verfahrenstechnik in der STADLER Gruppe, in einer Live-Demonstration die neusten Entwicklungen aus dem Hause STADLER. Die recovery nahm das zum Anlass, einmal genauer nachzufragen. Juia Stadler gab im Austausch mit der Chefredakteurin der recovery, Dr. Petra Strunk, interessante Einblicke in die Rolle als Co-Geschäftsführerin, die Entwicklung und das Feedback zu den neuen, auf der diesjährigen IFAT vorgestellten Recyclinglösungen und derzeitige sowie zukünftige Herausforderungen.
recovery: Frau Stadler, auf der IFAT 2026 in München präsentierte das Familienunternehmen STADLER einen speziell für die IFAT entwickelten Demo Loop – ein vollständig integriertes Setup rund um eine Mini-Sortieranlage. Im Mittelpunkt stand dabei die cloudbasierte Plattform STADLERconnect, die z. B. die Qualitätskontrolle automatisiert, Wartungsintervalle plant oder die Anlagenperformance optimiert. Wie war die Resonanz auf der IFAT allgemein auf dem STADLER-Stand und ganz speziell zu dem noch recht jungen STADLERconnect-System?
Julia Stadler: Die Resonanz war sehr positiv. Der Demo Loop hat sehr anschaulich gezeigt, wie digitale Lösungen direkt mit der Anlagentechnik zusammenspielen können. Genau das war für viele Besucher interessant: nicht Digitalisierung als abstraktes Thema, sondern konkret sichtbar an einer funktionierenden Sortieranlage.
Auch STADLERconnect ist auf großes Interesse gestoßen. Das System ist zwar noch ein relativ neues Produkt in unserem Portfolio, aber bereits sehr erfolgreich im Markt angekommen. Wir haben STADLERconnect inzwischen an über 40 Anlagen in 11 Ländern verkauft. Das zeigt, dass der Bedarf an mehr Transparenz, automatisierter Qualitätskontrolle, vorausschauender Wartung und optimierter Anlagenperformance international sehr hoch ist.
recovery: Vor fast genau einem Jahr berichteten wir in der recovery über Ihre Übernahme der Co-Geschäftsführung zum 1. Juni 2025. Wie haben sich Ihre Aufgabenbereiche seitdem geändert, Sie waren ja bis dahin als Chief Digital Officer stark in die digitale Transformation des Unternehmens eingebunden?
Julia Stadler: Meine Rolle ist deutlich breiter geworden. Als Chief Digital Officer lag mein Fokus stark auf Digitalisierung, IT und der Weiterentwicklung digitaler Lösungen. Heute verantworte ich zusätzlich unter anderem unser globales Servicegeschäft, HR, Prozessmanagement, Verfahrenstechnik sowie Marketing und Kommunikation.
Damit ist auch der Gestaltungsspielraum größer geworden. Es geht nicht mehr nur darum, einzelne digitale Projekte voranzutreiben, sondern Unternehmensbereiche stärker miteinander zu verzahnen und STADLER insgesamt weiterzuentwickeln — organisatorisch, technologisch und kulturell.
recovery: STADLER begann 1791 als Dorfschmiede, anlässlich der Olympischen Spiele 1972 kam STADLER das erste Mal in Berührung mit der Recyclingindustrie, heute ist es ein weltweit aktives Unternehmen mit rund 600 Mitarbeitern. Auch das Geschäftsfeld hat sich komplett geändert und den Bedürfnissen der jeweiligen Zeit angepasst. Was ist das „Geheimnis“ einer so erfolgreichen Entwicklung? Woher kommen die Ideen für neue Produkte, für neue Geschäftsfelder?
Julia Stadler: Mein Großvater hatte ein sehr klares Motto: Sei nah am Kunden, sei nah am Produkt und sei nah an den Mitarbeitenden. Das klingt einfach, aber ich glaube, genau darin liegt ein wesentlicher Teil unseres Erfolgs.
Neue Ideen entstehen selten am Schreibtisch. Sie entstehen im direkten Austausch mit Kunden, auf Anlagen, in Projekten und im Gespräch mit unseren Teams. Wenn man die konkreten Herausforderungen der Kunden wirklich versteht, kann man Lösungen entwickeln, die einen echten Mehrwert schaffen. Diese Nähe zum Markt und zur Technik war immer eine Stärke von STADLER.
recovery: Auf Recycling-Veranstaltungen sind immer wieder die Herausforderungen im Bereich Textilrecycling ein Thema. STADLER ist mit seinen Sortiermaschinen auch auf diesem Gebiet aktiv. Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung im Textilrecycling ein und welche Lösungen bietet STADLER an?
Julia Stadler: Textilrecycling ist aus meiner Sicht ein Bereich mit großem Potenzial, aber auch mit erheblichen Herausforderungen. Die Materialströme sind komplex, die Qualitäten sehr unterschiedlich und die Anforderungen an die Sortierung hoch.
STADLER hat in diesem Bereich bereits konkrete Erfahrung gesammelt. Wir haben zwei Textilsortieranlagen realisiert, eine in Schweden und eine in Italien. Unsere Stärke liegt darin, mechanische Sortiertechnik, Anlagenplanung und zunehmend digitale Lösungen so zu kombinieren, dass aus komplexen Materialströmen verwertbare Fraktionen entstehen. Ich bin überzeugt, dass Textilrecycling in den kommenden Jahren deutlich an Bedeutung gewinnen wird.
recovery: STADLER hat auf der IFAT bekannt gegeben, dass das Unternehmen verstärkt in den asiatischen Markt – konkret nach Japan und Indien – gehen wird. Ist eine verstärkte Ausweitung der Aktivitäten im gesamten asiatischen Raum geplant?
Julia Stadler: Mittelfristig sehen wir in Asien großes Potential. Entscheidend ist für uns, Märkte nicht nur kurzfristig zu bearbeiten, sondern langfristige Strukturen aufzubauen – mit verlässlichen Partnern, gutem Service und einem klaren Verständnis der lokalen Anforderungen.
recovery: Beim bvse Bundesverband Sekundär-
rohstoffe und Entsorgung hielten Sie einen Vortrag zum Thema „Wie verändern Digitalisierung und Künstliche Intelligenz die Sortierung von Wertstoffen – und welche Potenziale ergeben sich daraus für die Kreislaufwirtschaft?“ Wie sehen Sie die zukünftige Nutzung der KI, was sind die Vorteile und könnte es auch negative Auswirkungen geben?
Julia Stadler: Ich sehe sehr viele Möglichkeiten. Gerade in der Sortierung entstehen enorme Mengen an Material- und Maschinendaten. Wenn diese Daten sinnvoll genutzt werden, können Anlagen intelligenter, effizienter und stabiler betrieben werden. KI kann helfen, Qualitäten zu verbessern, Durchsätze zu erhöhen, Stillstände zu reduzieren und Wartung planbarer zu machen.
Natürlich müssen Themen wie Cybersecurity, Datenqualität und Datensouveränität ernst genommen werden. Aber aus meiner Sicht überwiegen die Chancen klar. Entscheidend ist, KI nicht als Selbstzweck zu sehen, sondern als Werkzeug, das konkrete Probleme im Anlagenbetrieb löst.
recovery: Was ist Ihnen bei Ihrer Tätigkeit als Co-Geschäftsführerin besonders wichtig? Und welche Bereiche möchten Sie in Zukunft gern weiterentwickeln oder transferieren?
Julia Stadler: An erster Stelle stehen für mich unsere Kunden und unsere Mitarbeitenden. Unser Anspruch muss sein, Anlagen und Services zu liefern, die im Alltag zuverlässig funktionieren und für unsere Kunden echten Mehrwert schaffen. Gleichzeitig brauchen wir ein Arbeitsumfeld, in dem unsere Mitarbeitenden Verantwortung übernehmen, sich weiterentwickeln und gerne zum Unternehmen beitragen.
Darüber hinaus ist mir wichtig, dass STADLER innovativ bleibt und sich kontinuierlich professionalisiert. Wir sind ein Familienunternehmen mit langer Geschichte, aber wir müssen uns immer wieder neu hinterfragen: bei Prozessen, digitalen Lösungen, Service, Organisation und Führung. Tradition und Veränderungsbereitschaft schließen sich nicht aus – im Gegenteil, genau diese Kombination macht STADLER stark.
