Warum die Textilrecycling-Revolution mehr als nur Technologie braucht

Der globale Markt für Textilrecycling bewegt sich endlich in Richtung industrieller Skalierung. Über Jahre hinweg wurde der Fortschritt jedoch durch ein grundlegendes Problem gebremst: mangelnde Abstimmung entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Nun schaffen entschlossene politische Maßnahmen den notwendigen finanziellen Rahmen, um diese Lücke zu schließen. Wie Louisa Hoyes, Segment Director Textiles bei TOMRA Recycling, betont, ist die Sortiertechnologie marktreif und wirtschaftlich einsetzbar. Die zentrale Herausforderung besteht nun darin, die bestehende Diskrepanz zwischen automatisierten Sortiermöglichkeiten und der tatsächlichen Marktskalierung zu überwinden.

Louisa Hoyes ist Segment Managerin für Textilien bei TOMRA Recycling
© TOMRA

Louisa Hoyes ist Segment Managerin für Textilien bei TOMRA Recycling
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Die Textilbranche befindet sich an einem Wendepunkt, ausgelöst durch eine deutliche Verschärfung regulatorischer Vorgaben weltweit. Treibende Kräfte sind unter anderem das neue EU-weite System der erweiterten Herstellerverantwortung (Extended Producer Responsibility, EPR), das Produzenten finanziell für den gesamten Lebenszyklus von Textilien in die Pflicht nimmt, sowie das französische Gesetz gegen Ultra-Fast-Fashion. Dieses sieht eine schrittweise steigende Öko-Abgabe von bis zu 10 € pro Kleidungsstück vor und schreibt zudem eine Umweltkennzeichnung vor. Solche europäischen Maßnahmen gelten international, etwa in den USA oder China, zunehmend als Taktgeber. Sie machen zugleich das Ausmaß des Problems deutlich: Jährlich fallen weltweit Millionen Tonnen Textilabfälle an. Hinzu kommt die verpflichtende getrennte Sammlung von Textilien in der EU, die seit dem 1. Januar 2025 gilt.

Der globale Textilrecyclingmarkt steht damit vor einer enormen Aufgabe. Während die getrennte Sammlung nun vorgeschrieben ist und die finanzielle Verantwortung durch EPR näher rückt, ist die Branche im Vergleich zu etablierten Stoffströmen wie Kunststoff oder Papier weiterhin wenig entwickelt. Derzeit wird weniger als ein Prozent der jährlich anfallenden Textilabfälle ohne Qualitätsverlust zu neuen Produkten recycelt¹. Analysen aus der Branche zeigen jedoch, dass eine Skalierung des Faser-zu-Faser-Recyclings die globale Recyclingquote auf über 30 % erhöhen könnte. Damit ließe sich ein Rohstoffwert von mehr als 50 Mrd. US$ erschließen². Für Europa allein wird erwartet, dass entlang der Recycling-Wertschöpfungskette bis 2030 ein jährliches Gewinnpotenzial von bis zu 2,2 Mrd. € entsteht³.

Die Sortiertechnologie für Textilien ist wirtschaftlich einsetzbar und marktreif
© TOMRA

Die Sortiertechnologie für Textilien ist wirtschaftlich einsetzbar und marktreif
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Von technischer Machbarkeit zu industrieller Umsetzbarkeit

TOMRA hat diese Herausforderung früh erkannt und investiert seit über einem Jahrzehnt gezielt in die Entwicklung von Textillösungen. Der Fokus liegt heute darauf, die Synchronisation und industrielle Skalierung dieser komplexen Wertschöpfungskette zu beschleunigen. Dabei profitiert TOMRA von jahrzehntelanger Erfahrung aus anderen etablierten Materialströmen. Die Diskussion dreht sich nicht mehr um technische Machbarkeit, sondern um industrielle Umsetzbarkeit.

Die zentrale Frage im Textilrecycling lautet nicht, ob sortiert werden kann, sondern wie schnell und mit welcher Reinheit Materialien für das Faser-zu-Faser-Recycling zurückgewonnen werden können. Textilien zeichnen sich durch eine hohe Heterogenität aus: Kleidungsstücke bestehen aus vielfältigen Materialmischungen, mehreren Stofflagen, unterschiedlichen Färbungen sowie nicht-textilen Bestandteilen wie Reißverschlüssen oder Knöpfen.

Für diese komplexen Sortieraufgaben – unabhängig davon, ob ganze, geschnittene oder geschredderte Textilien verarbeitet werden – setzt TOMRA auf die AUTOSORT®-Einheit. Ihre besondere Stärke liegt in der Multifunktionalität und der hohen Flexibilität bei Materialhandling und Sensorintegration. Zum Einsatz kommt eine Kombination aus NIR-Sensoren (Nahinfrarot zur Bestimmung der Faserzusammensetzung), VIS-Sensoren (sichtbares Lichtspektrum zur Farberkennung) und elektromagnetischen Sensoren zur Metallerkennung. Diese integrierte Sensorik ermöglicht höchste Sortierreinheit und optimale Voraussetzungen für nachgelagerte Recyclingprozesse. Um eine möglichst hohe Reinheit vor dem Zerkleinern von Post-Consumer-Textilien zu erzielen, hat sich die Sortierung ganzer Kleidungsstücke vor dem Shreddern als besonders effizient erwiesen.

Eine zirkuläre Wertschöpfungskette für Textilien beginnt sich abzuzeichnen
© TOMRA

Eine zirkuläre Wertschöpfungskette für Textilien beginnt sich abzuzeichnen
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Das A/B-Sortierkonzept und die Bedeutung von Reinheit

Das A/B-Sortierkonzept von TOMRA, das über mehr als drei Jahrzehnte in industriellen Recyclingströmen wie Kunststoff und Metall weiterentwickelt wurde, bietet eine bewährte Grundlage für die Skalierung der Textilsortierung. Im Gegensatz zu Sortiersystemen mit geringer Durchsatzleistung ist AUTOSORT® für hohe Volumen ausgelegt. Die Anlage fokussiert sich jeweils auf eine reine Materialfraktion (A), während alle übrigen Materialien in den Reststrom (B) fallen. Diese klare Trennung stellt die von chemischen und fortschrittlichen mechanischen Recyclern geforderte Materialreinheit sicher und ermöglicht Durchsatzleistungen von bis zu 4,5 t/h. Für Anwendungen mit mehreren Zielfraktionen lassen sich mehrere AUTOSORT®-Einheiten in Kaskade schalten, wodurch eine präzise Rückgewinnung sämtlicher gewünschter Materialien aus dem Inputstrom möglich wird.

Sortierung allein reicht jedoch nicht aus. Um die strengen Eingangsspezifikationen der Recycler zu erfüllen, arbeitet TOMRA mit Vecoplan, einem Spezialisten für Zerkleinerungstechnologie, zusammen. Ziel ist eine ganzheitliche Lösung für die Vorbehandlung von Textilien. Diese umfasst die Sortierung, die Entfernung von Störstoffen wie Knöpfen oder Reißverschlüssen, die Zerkleinerung sowie die weitere Reinigung des Materials. Auf diese Weise wird eine zentrale Hürde für die Skalierung überwunden: die Bereitstellung eines hochwertigen, recyclingfähigen Ausgangsmaterials.

Komplexe Abstimmung als zentrale Herausforderung

Wenn die Sortiertechnologie für Textilien also marktreif ist, warum skaliert der Markt dann nicht schneller? Der Grund liegt in der finanziellen und logistischen Fragmentierung des gesamten Ökosystems. Die enorme Abfallmenge, verstärkt durch die kurze Nutzungsdauer von Fast-Fashion-Produkten, erfordert ein gleichzeitiges Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Für eine skalierbare, zirkuläre Textilwertschöpfungskette sind insbesondere folgende Treiber entscheidend:

  • Regulatorischer Druck: Dazu zählen die verpflichtende getrennte Sammlung von Textilabfällen in der EU seit dem 1. Januar 2025 sowie ein starkes EPR-System für Textilien, das spätestens ab April 2028 greift und Investitionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette ermöglicht. Ergänzend werden verpflichtende Mindestquoten für Recyclingmaterial diskutiert, unter anderem im Rahmen der Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte.
  • Zugang zu geeigneten Inputmaterialien: Höhere Sammelquoten und neue Sammelwege, die sowohl für Wiederverwendung als auch für recyclingfähige Textilien ausgelegt sind, sind notwendig, um wirtschaftlich tragfähige Preise zu erzielen.
  • Weiterentwicklung der Recyclingtechnologien: Parallel zur Skalierung von Sortier- und Vorsortierkapazitäten müssen Textil-zu-Textil-Recyclingverfahren weiter reifen. Die Nachfrage nach Faser-zu-Faser-Recycling sowie nach Downcycling-Produkten wie Vliesstoffen reduziert Abfallanteile und verbessert die Wirtschaftlichkeit.
  • Verbindliche Nachfrage seitens der Marken: Marken müssen sich zu signifikanten Abnahmemengen für recycelte Textilfasern verpflichten. EPR-Systeme und Mindestanteile an Recyclingmaterial, wie sie derzeit auf EU-Ebene diskutiert werden, spielen dabei eine zentrale Rolle.

Steigendes Verbraucherbewusstsein: Ein besseres Verständnis für die tatsächlichen Kosten von Fast Fashion sowie ein langfristiger Wandel hin zu Wiederverwendung und Weiterverwertung sind erforderlich.

Eine zirkuläre Wertschöpfungskette für Textilien beginnt sich abzuzeichnen, da zentrale Akteure der Branche dieses neue Ökosystem zunehmend mitgestalten. Während Europa den legislativen Rahmen maßgeblich vorantreibt, ist die Entwicklung hin zu Textilien als strategischem Material ein globaler Trend. Getrieben wird dieser Wandel durch Nachhaltigkeitsziele von Marken, steigende Nachfrage seitens der Verbraucherinnen und Verbraucher sowie erwartete regulatorische Maßnahmen in wichtigen Märkten wie den USA (insbesondere Kalifornien) und Australien, wo vergleichbare Diskussionen zur Kreislaufwirtschaft an Dynamik gewinnen. In der Folge ist davon auszugehen, dass Abfallwirtschafts- und Entsorgungsunternehmen weltweit ihre Kapazitäten zügig ausbauen, sobald regulatorische Rahmenbedingungen greifen und verlässliche Absatzwege gesichert sind.

Politik als notwendiger Anker und Handlungsaufruf

Initiativen wie das französische Gesetz gegen Ultra-Fast-Fashion zeigen, dass die Geduld der Politik weltweit begrenzt ist. Sie unterstreichen die Notwendigkeit koordinierter Investitionen entlang der gesamten textilen Wertschöpfungskette.

Regierungen müssen zügig wirksame EPR-Systeme für Textilien einführen. Ohne diesen finanziellen Anker – in der EU bereits etabliert und in anderen Regionen im Aufbau – gerät die gesamte Recyclingstruktur ins Stocken. Der Engpass liegt insbesondere in der fehlenden wirtschaftlichen Grundlage für Sortierzentren. Dieser wird erst dann überwunden, wenn Marken langfristige Abnahmeverträge für recycelte Materialien eingehen, häufig abgesichert durch die Finanzierungssysteme der EPR-Modelle.

Der Bauplan für industrielle Sortierung und Vorbehandlung steht

Die positive Nachricht lautet: Die Diskussion um Technologie ist abgeschlossen. Der Bauplan für industrielle Hochreinheits-Sortierung und integrierte Vorbehandlung liegt vor. Politische Maßnahmen fungieren als Katalysator, doch die Verantwortung liegt bei allen Akteuren der Branche. Markeninhaber, Entsorgungsunternehmen und Investoren sind nun gefordert, aktiv zu werden.

TOMRA verfügt über die notwendigen Kapazitäten, um den Markt zu bedienen, und versteht sein Engagement nicht nur als Bereitstellung bestehender Lösungen, sondern auch als aktiven Beitrag zur weiteren Marktentwicklung. Nun gilt es, eine leistungsfähige und abgestimmte Infrastruktur aufzubauen, die den wachsenden Mengen gerecht wird und Textilien tatsächlich in eine funktionierende Kreislaufwirtschaft überführt.

www.tomra.com

www.tomra.com/de-de/waste-metal-recycling

1 McKinsey & Company’s report: Scaling textile recycling in Europe – turning waste into value

2 Boston Consulting Group (BCG)’s report: Spinning Textile Waste into Value

3 McKinsey & Company’s report: Scaling textile recycling in Europe – turning waste into value

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